TDF5

TDF5

Privacy by Lying
2026-05-16 , BOOL
Language: Deutsch

Es war ja klar, dass meine Daten irgendwann im Darknet landen, so wie eure auch. Früher oder später verliert sie der ein oder andere zwielichtige Anbieter. Oder auch Interrail, so wie zuletzt. Deshalb versuche ich, mich im Internet unsichtbar zu machen. Oder auch: extra sichtbar. Aus mir sind ganz viele geworden. Im Vortrag erzähle ich, warum und wie ich bei Buchungsportalen, Hotels, Kursanmeldungen und manchmal sogar beim Amt falsche Daten angebe, wie erstaunlich oft das funktioniert und was wir daraus über digitalen Selbstschutz lernen können.


Kürzlich habe ich eine E-Mail von Interrail bekommen, sinngemäß: 'Ihre Daten werden jetzt im Darknet verkauft. Das tut uns leid.' Da dachte ich mir: Na zum Glück habe ich euch sowieso falsche Daten gegeben.
So gesehen war diese Nachricht ein Triumpf. Denn alle um mich herum erklären mich für verrückt für meinen Tick, immer und überall falsche Daten anzugeben. Manche attestieren mir eine Sicherheits-Psychose. Andere sagen, falsche Daten anzugeben sei illegal. Selbst wenn das stimmen würde, ist es mir herzlich egal.
Denn ich habe schon viel zu oft viel zu tief in viel zu viele Leaks geschaut, um irgendjemandem noch zu vertrauen. Hotels, Bürgerämter, Fitness-Apps, Volkshochschulen, Sportvereine, Klassenverteiler - Hinz und Kunz will heutzutage nicht nur meinen Namen, sondern auch Anschrift, Telefonnummer, Geburtsdatum, Kreditkarte, Name und Geburtsdatum der Kinder, Ausweisnummer, Bankverbindung etc. Und irgendwann landen sie bei Datensammlern oder im Darknet, und Cyberkriminelle schnüren schöne Pakete für alle, die mich betrügen wollen oder - schlimmer noch - wissen wollen, wo ich wohne (und ja: ich habe schon mit Leuten zu tun gehabt, die mal eben einen Schlägertrupp losschicken, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Keine Sorge, bisher nicht zu mir. Aber sie kennen ja auch meine Adresse nicht).
Und weil Hinz und Kunz meine Daten haben will, lautet meine Anschrift neuerdings Hinzstraße 43 in 12345 Kunzhausen. Oder auch anders. Auch mein Geburtsdatum schwankt. Leben mit vielen Identitäten ist nicht immer einfach; ich nehme Umwege in Kauf, fülle Formulare kreativ aus und mache vieles komplizierter, als es sein müsste – aber es geht. Oft erstaunlich gut sogar.
Ein persönlicher Vortrag über Datenhunger, digitale Tarnung und die Kunst, sich selbst im digitalen Alltag zu vervielfältigen.

Eva Wolfangel ist Journalistin, Autorin, Speakerin und Moderatorin. Sie arbeitet unter anderem für die ZEIT und ZEIT ONLINE, den Deutschlandfunk, Technology Review, Reportagen und viele andere. Dabei ist es ihr wichtig, komplexe Themen mit kreativen Erzähltechniken zu verbinden und so ein breites Publikum zu erreichen.

2020 erhielt sie den Deutschen Reporter:innenpreis, 2019/20 war sie als Knight Science Journalism Fellow am MIT in Boston, 2018 wurde sie als European Science Journalist of the Year ausgezeichnet. Sie spricht und schreibt über Themen wie künstliche Intelligenz, virtuelle Realität, Cybersecurity und Technik-Ethik.

Außerdem kann sie es nicht lassen, Zukunftstechnologien selbst auszuprobieren und sie auf Herz und Nieren zu testen - für die Gesellschaft ebenso wie für den Journalismus. Im Herbst 2022 erschien ihr Sachbuch "Ein falscher Klick“ mit spannenden Reportagen aus der Welt der Hacker und des Cyberwar.